Icon
WalterBauerPowerPainting
99 Stillleben in Öl / Mitbringsel

ist ein Projekt von Walter Bauer,
Prof. Dr. Hermann Glaser und
dem ars vivendi-Verlag Cadolzburg

Das Große im Kleinen
Zur Serie Mitbringsel von Walter Bauer

Walter Bauer setzt klar auf Wiedererkennbarkeit seiner „Mitbringsel“. Jene offenbar bedeutungslosen Dinge, die uns so vertraut scheinen, dass wir sie eigentlich noch nie genau angeschaut haben, rückt er bildfüllend ins rechte Licht. Der sinnliche Genuss spielt dabei eine erhebliche Rolle. Es sind Gegenstände, an die wir uns gern erinnern, weil wir schöne Erfahrungen mit ihnen verbinden. Der PowerPainter hat sie mit Bravour wiedergegeben, wobei sein flotter Malduktus genug Spielraum für eigene Interpretation des Betrachters lässt. Auf diese Weise sind nicht nur visuelle Wirkmechanismen beteiligt; ein imaginärer Kosmos an taktilen und olfaktorischen Reizen tut sich auf.

Wer kennt nicht diese runde blaue Cremedose oder die charakteristische Würzmittelflasche mit dem gelbroten Etikett? Um Marken geht es allerdings nicht, um das Memorieren sehr wohl. Es reicht eine lustige gelbe Gummiente, um unweigerlich an einen Loriot-Sketch denken zu müssen, über den einst die ganze Familie lachte; ein Lebkuchenherz, um Erinnerungen an die Jugendliebe auf der Kirmes wachzurufen; oder eine aufgerissene Chips-Tüte, um ein unvergessliches WM-Spiel Revue passieren zu lassen, das man mit Freunden verfolgte. Schon diese Beispiele genügen, um zu zeigen, dass hinter dem Ding an sich immer Menschen stehen, mit ihrer ganzen Geschichte und Individualität.

Es sind nicht die kleinen Gegenstände selbst, die diese starken Empfindungen auszulösen vermögen. Vom Wert her viel zu gering, um als dauernde Begleiter oder Statussymbole zu gelten, sind all die lieben „Mitbringsel“ längst weggeworfen, verbraucht oder in Schubladen auf Nimmerwiedersehen entsorgt. Der Maler hat die wenig bzw. gar nicht prestigeträchtigen Objekte in Öl auf Leinwand gebannt, damit in die Gegenwart zurückgeholt und ihnen ein Stück Unsterblichkeit verliehen. Erst als malerischem Tatbestand sind wir geneigt, diesen in letzter Konsequenz doch achtlos behandelten Sachen eine ganz neue Bedeutung beizumessen.

Eine frappant realitätserfassende und zugleich ungemein lebendige Pinseltechnik liefert den Beweis, dass kein Motiv zu trivial ist, um nicht doch kunstwürdig sein zu dürfen. Ein im Grunde demokratischer Blick eint Walter Bauer zum Beispiel mit Andy Warhol. Schon letzterer setzte auf ikonische Überhöhung des Einzelmotivs und gruppierte seine seriellen Arbeiten gern zu Blöcken. Schwingt auch bei Bauer unterschwellig Konsumkritik mit? – Mag sein, doch geht es dem expressiven Realisten des 21. Jahrhunderts primär um anderes. Er weiß, dass im Sammeln ein Grundzug menschlichen Verhaltens liegt und arrangiert seine „Mitbringsel“ deshalb nach dem Setzkastenprinzip an der Wand. In der Zusammenschau wird den gemalten Banalitäten ein umso höherer Anspruch zuteil. Dann entpuppen sie sich als Teile eines komplexen Systems, über das wir spielerisch unsere Umwelt erkunden und unterschiedliche Sinnhorizonte miteinander verknüpfen.

atelierbild1
Walter Bauer im Atelier

Mehr als wir uns bewusst sind, bestimmen die kleinen Dinge unsere soziale Struktur, weil wir von Kindesbeinen gewohnt sind, uns über ihre Erfahrung Wissen anzueignen. Dass Walter Bauer mit dem vorgeblich naiven Bändigen eines schier aus den Fugen geratenen Warenangebots wieder Orientierungshilfen in einer immer komplexer werdenden Welt liefern will, darf vermutet werden. Dass seine Lehrstücke jedoch ohne vordergründigen Anspruch metaphysischer Belehrung (und damit Bekehrung) daherkommen, macht seine „Mitbringsel“ überaus sympathisch, seine Malerei erfrischend unprätentiös. Immer witzig herangezoomt und niemals totgemalt, ist das Kleine bei ihm einfach da, ist sprechendes Zeugnis einer Konsens stiftenden Erinnerungskultur.

Da sie nur einen einzigen Gegenstand fokussieren, sind die „Mitbringsel“ keine Stillleben im eigentlichen Sinn. Blickt man auf die im einheitlichen Format gemalten Motive, öffnen sich dennoch Zeit- und Kulturkonserven. Bauer gelingt das Meisterstück, gerade mit zum kollektiven Fundus zählenden Sachen eine starke Intimität zu vermitteln. Im Gegensatz zu den Großen der Pop Art zielt die Strategie seiner Closeups letztlich ganz auf emotionale Herauslösung und Vereinzelung, damit auf das Individuelle. Nahaufnahmen von Nippes, ja selbst Relikte billigster Alltagsartikel genügen, um intensive Gefühle zu reaktivieren, die sich unauslöschlich im Bewusstsein des Rezipienten eingenistet haben. In dessen erneuerter Erwartungshaltung liegt die eigentliche Faszination der auf den ersten Blick so eingängigen, im besten Wortsinn plakativ daherkommenden Motive.

Mit traumwandlerischer Leichtigkeit weist Bauer den Weg, das Besondere im Allgemeinen und vice versa das Allgemeine im Besonderen zu suchen. Insofern betätigt sich der malende Jäger und Sammler als Kulturwissenschaftler, ist der Künstler sogar dem aktuellen Zweig der experimentellen Archäologie verpflichtet. Insgesamt sind Bauers „Mitbringsel“ Auslöser für vielfältigste Assoziationen. Das alte Stillleben-Paradigma der Vanitas zeitgemäß reflektierend, mögen sie in ihrer Ambivalenz verdeutlichen, dass sich mit kunterbuntem Krimskrams nicht nur Vorstellungen von schönen Momenten, sondern ebenso welche von Verlust verbinden. Auch die Lieblingsoma, die immer das Glas selbstgemachte Konfitüre mitbrachte, lebt inzwischen nicht mehr.
Dr. Harald Tesan

atelierbild4